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Es ist soweit: Der große Blogumzug

Nun endlich habe ich den Schritt gewagt. Mein Blog zieht um!
Mehr Platz, mehr Möglichkeiten. Die Einträge dieses Blogs habe ich schon umziehen lassen, sonst ist noch einiges in Arbeit. Da kommt also noch mehr!

Neu: HIER

OnlineRoman "Stadt im Schnee" 41



„Gab es Zeugen für diese beiden Zwischenfälle?“

„Ich lasse sie umgehend rufen, Generalin.“

Elma eilte los, und Maril ging die letzten Schritte bis zum großen Saal alleine. Diener öffneten das Portal für sie, und sie trat ein.

Die Morgensonne brach bereits durch die verzierten Glasfenster, aber überall standen Leuchter mit Kerzen und tauchten den großen Saal in grelles Licht. Der Saal war voll: Würdenträger, Oberste, Priesterinnen.

Sie wurde erleichtert begrüßt. Ohne die Regentin auf dem Sessel am Kopfende des Saals, ohne deren ruhige Besonnenheit waren diese Leute kopflos und einer Panik nahe.

Nun betrat Maril den Saal, und jeder Zoll an ihr strahlte militärische Disziplin aus. Sie war eine Vertraute und Gesandte der Kaiserin. Sie hatte in genügend Kriegen und Feldzügen bestanden, um ruhig und analytisch an jede Krise heranzugehen. Sie stellte eine geborene Anführerin dar, die reichliche Erfahrungen gesammelt hatte. Ihr konnten diese Menschen die Bürde aufladen, für die führerlose Stadt und deren Bewohner zu sorgen.

Das kollektive Aufatmen war gar nicht zu überhören.

Sie durchmaß den Saal, ging an den Leuten vorbei, die sie mit Fragen und Thesen bestürmten, und nahm auf dem Sessel der Regentin Platz. „Ich bin die Gesandte der Kaiserin. In dieser Krise übernehme ich vorübergehend die Regentschaft dieser Stadt. Wir befinden uns im Kriegszustand. Ich ordne an, dass alle wehrfähigen Frauen und Männer vorübergehend einzuziehen sind. Ich ordne an, dass die Streifen durch die Stadt verstärkt werden und dass niemand sich in den Kellern und Lagerräumen unter der Stadt aufhalten darf.“

„Unsere Vorräte lagern dort! Wie sollen wir ohne Vorräte bestehen?“

„Die Nomaden stecken dahinter, Maril. Wir müssen eine Strafexpedition ausschicken!“

„Maril, wer soll die neue Priesterin der Großen Göttin werden? Wir können nicht ohne ihren Schutz leben!“

„Es ist eine Strafe der Göttin, die uns befällt, weil wir die Nomaden immer noch nicht besiegt haben!“

„Generalin, die Menschen fürchten sich. Die Keller sind Schutzräume, wir brauchen die Keller!“

Maril stand auf und sah streng auf die Versammelten hinab. „Hört auf, Unsinn zu reden! Ihr solltet euch einmal selbst hören. Wie kann ein Bürger des Kaiserreichs ein solcher Jammerlappen sein? Wir sind in einer Krise, da ist es egal, ob die Gottesdienste pünktlich abgehalten werden. Die Große Göttin versteht das! Sie ist die Göttin von Kriegerinnen und Kriegern. Glaubt bloß nicht, dass auf einem Schlachtfeld zu den festgesetzten Stunden Gebete gesprochen werden. Die Große Göttin hilft denen, die in einer schweren Stunde den Mund halten und etwas tun! Sie verabscheut Hysterie und Panikmache. Wir haben zwölf Tote, und vielleicht werden es mehr. Aber wenn wir alle Wache halten, auf die Frau oder den Mann neben uns aufpassen, wenn ihr meine Befehle befolgt, können wir Schlimmeres und noch mehr Tote vielleicht verhindern.“ Maril atmete tief durch, dann zeigte sie auf eine ältere Frau in voller Wacherüstung. „Du bist die Garnisonskommandeurin?“

OnlineRoman "Stadt im Schnee" 40



Noch hatten Müdigkeit und der Schreck verhindert, dass Maril das Gehörte überdachte. Während Diener sie umringten, ihr den dicken, gesteppten Mantel auszogen und ihr einen bunten Umhang reichten, während ein Kindermädchen die schlafende Ilya von der Obersten entgegennahm, begann Marils übermüdeter Verstand wieder richtig zu arbeiten.

Vor drei Tagen war sie mit der Priesterin im Kellergewölbe des Tempels gewesen. Dort war das Beben zu spüren gewesen – nur dort und in den Vorratsräumen, die ebenfalls unterirdisch lagen.

In den Kellern waren Menschen wahnsinnig geworden und hatten andere ermordet.

Sie fuhr sich mit einer Hand durch die Haare, massierte ihre Nasenwurzel und versuchte, wacher zu werden. Sie musste denken, verdammt! Was hatte Runo gesagt? Yakscheiße! Maril hatte noch nie ein Yak gesehen, aber wenn seine Ausscheidungen für einen Fluch unter Nomaden reichten, dann waren diese Yaks sehr unangenehme Zeitgenossen.

„Generalin!“, rief Elma und rannte eine Treppe herab in das große Foyer, um ihre Vorgesetzte zu begrüßen.

„Wie viele Tote, Elma?“

„Zwölf – bis jetzt. Ich habe die Wachen angewiesen, nicht nur auf der Stadtmauer Streife zu gehen. Ich habe die Soldaten aus den Kasernen abgerufen. Die Männer und Frauen sind jetzt überall in der Stadt unterwegs – in Gruppen zu drei Personen. Ich hoffe, dass wir so weitere Massaker verhindern können.“

„Was sagt die Regentin?“

„Die Priesterin war ihre Schwester. Sie ist gebrochen und kann kaum sprechen. Sie wird sehr froh sein, dass du hier bist, Maril.“

Maril blieb stehen und sah ihre Assistentin an. „Kann es sein, dass du hier das Kommando übernommen hast, Elma?“

„Nur bis zu deiner Rückkehr, Generalin. Irgendjemand musste es tun. Die Leute gerieten in Panik, und die Regentin bekam einen Nervenzusammenbruch. Ich schwöre, wenn die Nomaden in diesem Augenblick auf die Idee verfallen wären, die Stadt anzugreifen, wären sie auf keinen nennenswerten Widerstand gestoßen.“

„Ich bezweifle, dass sie das vorhaben.“

„Du warst erfolgreich? Du hast Ilya heimgebracht?“

„Ich wurde von ihrem besten Krieger gemeinsam mit meiner Tochter bis vor die Tore der Stadt eskortiert. Elma, auch sie wünschen sich Frieden.“

Sie ging weiter. Ihr schwirrte der Kopf. War dies der letzte Beweis, den sie gebraucht hatte? Sogar der Steinboden des Palasts vibrierte unter ihren Füßen. Es hatte Tote gegeben. War daran das uralte Grauen unter der Stadt schuld? Hatte es die Menschen verrückt gemacht? Es hatte drei Menschen befallen, die viel in den unterirdischen Räumen arbeiteten, und es hatte diese drei Menschen dazu getrieben, Blut zu vergießen, blind um sich zu schlagen und andere ins Verderben zu reißen.

Statusmeldung Dezember

Der Dezember 2014 gehörte ganz alleine den Überarbeitungen. Uff, als ich anfing, war mir gar nicht bewusst, wie viel da auf mich lauert. Ich schreibe gerne und viel, und Überarbeiten ist nicht immer mein liebstes Hobby. Solange keine Deadline heiß in meinen Nacken atmet, geht das ja auch. Bis ich mich von den aufgetürmten Manuskripten bedroht fühle. Der riesige Stapel könnte ja auf mich fallen.

Zuerst schnappte ich mir also „Shadac“, meinen 2014-NaNo-Roman. 475 Normseiten in einem Monat geschrieben, da war mir klar, dass eine Horde gemeiner Tippfehler auf mich lauert und leise kichert. Ganz bestimmt habe ich nicht alle erwischt. Aber es tat so gut, meinen Kardinal wiederzusehen. Wenn ich schreibe, vergesse ich gerne im Anschluss daran Details, sodass das erste Lesen für mich sehr spannend ist und ich mich auch brav an den richtigen Stellen erschrecke und fürchterlich Nägel kauen muss, wie der Held das nur alles überstehen kann. Ich mag diesen Roman!

Dann war das Lektorat für das schon lange nicht mehr geheime Geheimprojekt „Runenschicksal“ dran. Der Roman wird zur Leipziger Buchmesse im Verlag Mondwolf erscheinen, und ich bin froh, dass wir noch so viel Luft haben, um letzte Unklarheiten aus dem Manuskript zu schaffen.

Punkt Nummer drei war erfreuliches Betalesen für Autorenkollegin Sabrina Železný. So wie sie mein Geheimprojekt liebevoll zerpflückte, konnte ich ihrem Geheimprojekt noch ein paar Anmerkungen hinzufügen. Gleicher Verlag, gleiches Veröffentlichungsjahr!

Nun war ich so schön warm gearbeitet, dass mir als nächstes „Drakhall“ zum Opfer fiel, der nach dem Schreiben und ersten kritischen Testleserinanmerkungen nur einen ersten Lesedurchgang meinerseits brauchte, bis er zur ersten Betaleserin Lisande konnte. Meinem Seefürsten hat dieser erste Schliff gut getan, denke ich.

Ihm folgte „Farlin“, mein strahlend blonder, blauäugiger Blutgeneral, der mit sehr vielen kritischen Anmerkungen seitens der ersten Testleserinnen wieder zu mir gekommen war. Ich schuftete und fluchte leise, entdeckte noch mehr Pfuschstellen (wenn die Gewichtung zwischen dem Heldenpaar nicht stimmt, geht einer von beiden unter. In diesem Falle ausgerechnet Farlin!) und arbeitete nicht nur mit Skalpell und Pinzette, sondern an den gröberen Stellen durchaus mit Axt und Vorschlaghammer. Jetzt bin ich soweit zufrieden, und auch Farlin ist an drei fähige Betaleserinnen rausgegangen. Bin sehr gespannt, was die noch alles zum Meckern finden.

Der letzte Streich – und noch nicht ganz fertig, da war der Dezember doch einfach zu kurz – ist „Niro“, mein 2012-NaNo-Roman (ja, 2013 hab ich auch einen geschrieben, da warte ich noch auf zwei Betaleserrückmeldungen). Drei strenge Betaleserinnen haben mir wohl hoffentlich alles unter die Nase gerieben, wo ich noch Hand anlegen muss. Die reine Überarbeitung ist fertig, jetzt lese ich den Roman auf dem eReader ein letztes Mal für den Feinschliff. Und finde immer noch einiges. Aber keine Berge mehr, denke ich. Bei Niro stehe ich nun auf dem eReader bei 62%.

Und jetzt auf ins Jahr 2015! Pläne? Konfus wie immer. Es gibt einiges, das ich schreiben möchte. Mir schwebt ein Krimi (vielleicht eine Reihe) mit Hexe und versehentlich beschworenem Dämon vor, dann lauert mein Klopps-Werk „Aemera“ auf mich: Steampunk, Französische Revolution, Romanovs, Dunkelgräfin, Liebesgeschichte und viel Blut. Ich bin gespannt. Auch ein weiterer Heroic hat sich freundlich angemeldet. Und fasziniert mich von Sekunde zu Sekunde mehr. Ach, mir wird schon nicht langweilig werden!

OnlineRoman "Stadt im Schnee" 39



„Der Großen Göttin sei Dank, dass du wieder da bist, Generalin.“

„Ich hatte den Status einer Unterhändlerin. Die Nomaden respektieren das ungeschriebene Gesetz, nach dem einer Unterhändlerin nichts getan werden darf“, sagte Maril und ließ sich erschöpft auf einen Stuhl vor dem Kamin fallen.

„Nicht deswegen, Generalin. Ich meine, ich wollte sagen, ich bin erleichtert, dass du unversehrt zurückgekommen bist …“

Maril nahm den Kopf hoch und sah die Oberste wach an. „Was ist während meiner Abwesenheit vorgefallen?“

„Die Priesterin der Großen Göttin ist dem Wahnsinn verfallen. Sie hat drei andere Priesterinnen getötet und dann sich selbst. Und in den großen Vorratskellern sind zwei Träger irrsinnig geworden. Sie haben alle getötet, an die sie herankommen konnten, und es hat Stunden gedauert, bis die Wache sie überwältigen konnte.“

„Wo ist Elma?“

„Im Palast der Regentin.“

„Ich muss sie sofort sprechen – und die Regentin.“ Sie beugte sich hinab, um Ilya auf ihren Arm zu nehmen. Das Kind war müde und konnte nicht mehr.

„Gib mir das Kind, Generalin. Ich trage es und gehe mit dir.“

Dankbar gab Maril ihre Tochter weiter. Die Oberste war größer und kräftiger als sie selbst – und sie hatte sich nicht die Nacht in Schneehöhlen und auf Schneefangrücken um die Ohren geschlagen.

Maril schlug den pelzgefütterten Mantelkragen hoch und hastete durch verschneite Straßen, die Oberste dicht hinter sich.

Das Beben war durch die Pflastersteine der Straßen spürbar. Es fühlte sich an, als würde Maril auf brechendem Eis laufen, wobei jeder Schritt den Tod bedeuten konnte. Sie war nur drei Tage fort gewesen, und es war sehr viel schlimmer geworden.

Sie war erschöpft und müde. Sie hatte eine durchwachte Nacht verbracht, mit Diskussionen, Verhandlungen und einem rasenden Ritt hinter einem großen Krieger. Das Beben machte ihr Angst, und sie wünschte sich Runos beruhigende Massivität an ihre Seite. Es mochte schwächlich wirken, dass sie sich die Nähe eines Mannes herbeiwünschte, aber Runo stammte aus diesem Land. Er kannte die Sagen und Mythen über das uralte Grauen, das unter dieser Stadt erwachte, seine Ketten abschüttelte und sich erhob.

Sie stolperte die große Freitreppe zum Palast hinauf.

"Karten und Klingen"

Weihnachtsgrüße der besonderen Art: "Karten und Klingen"

Die deutschen Phantastikautoren starten eine neue Tradition ... Stephan R. Bellem macht es vor, ich mache nach!

Weihnachtspost vom Verlag ohneohren erreichte mich gestern, und ich habe ein wenig Martialisches zum Fotoshooting aufgebaut. In diesem Sinne: Wunderschöne Feiertage!

Weihnachtsgrüße

OnlineRoman "Stadt im Schnee" 38



Einen Augenblick saßen sie noch unter dem klaren Sternenhimmel. Der Mond verwandelte die eisige Landschaft in ein Funkeln von Reflexen.

Maril traf ihre Entscheidung.

Verbotene Stadt

Runo setzte Mutter und Tochter knapp außerhalb der Reichweite der Bogenschützen vor den Stadtmauern ab. Ilya brach in Tränen aus, klammerte sich an Mako fest, der vor lauter Schreck über so viel Anhänglichkeit erstarrte, und war nur mit Mühe von dem Hals des Schneefangs zu trennen. Runo und Maril arbeiteten Seite an Seite und lösten jeden einzelnen kleinen Finger aus dem dichten Fell des Schneefangs. Kaum war dies gelungen, als Ilya sich aus dem Griff ihrer Mutter wand und sich an Runos Bein anklammerte.

„Schneemurkel und Yakscheiße!“, fluchte Runo leise – leise angesichts der allzu nahen Stadtmauer.

Maril unterdrückte mühsam ein Kichern, fiel vor Runo auf die Knie und arbeitete daran, ihrer Tochter auch diesen letzten Halt aus ihrer Zeit als Schneenomadin ehrenhalber zu nehmen. Sie schlang fest beide Arme um das weinende Kind und zischte: „Mach, dass du wegkommst. Ich kann sie nicht lange halten!“

Runo sah auf sie herab, ein Lächeln funkelte in seinen dunklen Augen. „Ich warte auf den Mongo.“ Damit wirbelte er herum, sprang auf Makos Rücken, und Reiter und Schneefang verschwanden hastig.

„Ich will mit Runo und Mako gehen!“, jammerte Ilya.

„Ich weiß, ich auch. Aber jetzt bist du bei mir, und wir haben eine wichtige Aufgabe vor uns.“

„Magst du Runo?“

„Ich mag ihn sehr.“

„Und Mako?“

„Ich kenne Mako noch nicht genug, um ihn zu mögen, Ilya.“

Sie stand auf und nahm das Kind bei der Hand. Runo war noch in der Nähe, um sie auf den letzten Schritten zu schützen, das wusste sie sicher. Sie spürte seine Nähe in jeder Pore.

Sie war ihm auf dem stundenlangen Ritt so nahe gewesen, dass seine Stimme und sein Körper ihr unendlich vertraut erschienen. Nun blieb er außerhalb ihrer Reichweite zurück, und sie vermisste ihn schmerzhaft.

Energisch rief sie sich zur Ordnung. Sie hatte eine lebenswichtige Aufgabe! Wichtig für die Kaiserin, die Stadt, deren Bewohner, ihre Tochter. Ebenso wichtig für die Nomaden, Kona, Mako und auch Runo. Sie durfte jetzt nicht wegen eines gut geschnittenen Gesichts, lächelnder Augen und eines vorbildlichen Körpers den Kopf verlieren!

Sie zog Ilya mit sich bis zum großen Haupttor. Die Wachen hatten sie bereits gesichtet und ihre Vorgesetzte informiert. Die Ausfallpforte im großen Tor wurde geöffnet, und Maril konnte eintreten, hinter die trügerische Sicherheit der hohen, dicken Mauern gelangen.

„Generalin!“, wurde sie begrüßt. Wachen salutierten, die Oberste führte Maril hastig in das Torhaus, wo ein Feuer im Kamin brannte.

Frühstück ist fertig!

Band 2 der Frühstücksanthologien ist in Kürze auch als Taschenbuch zu haben. Mit dabei meine - etwas längere - Kurzgeschichte "Witwe Tiffony": Was ein Frühstücksei doch für Stress bedeuten kann!

Niffiff frühstückt

Von Blumen und Bienen ...

... oder: Wo kommen eigentlich die kleinen Geschichten her?

Eine vollkommen unrepräsentative Erhebung unter Autorenfreunden und natürlich bei mir über die letzten Jahre ergab: Unter der Dusche, auf dem Klo (ja, ehrlich!), beim Autofahren oder bei Hausarbeit (langweilig) kommen die meisten Ideen einfach anspaziert. Manchmal sind sie noch richtig klein, bringen nur eine Figur im Schlepptau heran, die sie stolz vor der Autorin Füße ablegen und dann einen Keks erwarten. Einige sind größer und schleifen eine Stadt oder einen mittelprächtigen Konflikt hinter sich her.

Mir stampfte schon ein kompletter Roman (na ja, das Heldenpaar und der Hauptkonflikt) beim Filmgucken ins Hirn. Wobei die Geschichte nichts mit dem gerade konsumierten Film zu tun hatte, sondern nur von einem Gesichtsausdruck des dortigen Bösewichts inspiriert wurde.

Gesprächsfetzen beim Einkaufen oder in öffentlichen Verkehrsmitteln sind auch immer wieder hilfreich, ebenso bin ich einmal von einer Idee angefallen worden, als ich ganz harmlos mit Mama telefonierte.

Was macht man nun mit diesen kleinen Ideenfunken, während sie die Keksdose plündern und mit vollen Hamsterbäckchen kauen und furchtbar herumkrümeln? Ich lasse sie wachsen und gedeihen. Höchst selten schreibe ich etwas dazu auf, sondern beobachte das kleine Keksmonster, während es der mittlerweile leeren Keksdose sein Leid klagt und noch mehr von der Idee erzählt. Ich höre zu, und ein Mosaikstein fällt neben den nächsten. Wenn ich Pech habe, schmeißt mir die kleine Idee eine ganze Tonne voll Steinchen vor die Füße und wartet dann ungeduldig, daß ich mir etwas aussuche.

Manche Ideen versanden. Teilweise vergesse ich, was ich daran toll fand. (Das Ideenmonster ist inzwischen mit der nächsten vollen Keksdose durchgebrannt ...) Oder die Grundzüge der Geschichte fesseln mich selbst nicht mehr. Dann lasse ich die Finger davon.

Aber manchmal reichen zwei, drei Sätze, um mich zu fesseln, ein Dokument zu öffnen und die ersten Worte zu schreiben.

Vor siebenhundert Jahren nahm der erste König des Reichs seinen Winterfürsten Ariz als ewigen Wächter mit sich ins Grab. Ein Glück für Yeva, die vor den Avancen ihres Vetters und einem feindlichen Heer in die Grabanlagen flüchtet. Gemeinsam mit Ariz, in dem Yeva bald einen Freund entdeckt, versucht sie, ihr Reich zurückzuerobern.

Habe ich erst einmal angefangen, höre ich selten auf, bevor die Geschichte nicht erzählt ist.
Und wo überfallen Euch die Ideen?

OnlineRoman "Stadt im Schnee" 37



Die zweite Rast legte Runo in Sichtweite der Stadt ein. Maril konnte ihn verstehen: Er wollte, dass Mako frisch war, wenn die Unterhändlerin und das Kind abgesetzt waren. Dann befand er sich in Reichweite der Bogenschützen und wollte so schnell wie möglich aus dieser Reichweite entkommen.

Aus einem kleinen Rucksack zog Runo einen Yakknochen, an dem noch reichlich Fleisch hing. Mako schnappte sich diesen Happen ohne viel Zeremoniell, ließ sich zu Boden sinken und knackte den Knochen mit einem einzigen Schließen seiner starken Kiefer.

„Du bleibst in der Nähe der Stadt?“

Runo sah sie für einen Moment von der Seite an. „Das tue ich. Wenn du auf die Idee kommst, Krieger auszusenden, um mich zu fangen, werden sie mit leeren Händen und vielen Toten zurückkehren.“

„Das habe ich nicht vor!“, protestierte Maril sofort, „aber es ist möglich, dass ich Kona eine Nachricht zukommen lassen möchte.“

„Darauf hofft Mutter. Deswegen soll ich in der Nähe bleiben.“

„Du traust mir nicht!“

Er legte den Kopf in den Nacken. Im Mondlicht waren seine Gesichtszüge klar für sie erkennbar. Sie fühlte sich ihm verbunden und nahe, obwohl er so abweisend aussah. Endlich antwortete er. „Nein, ich traue niemandem aus deinem Volk.“

„Mir auch nicht?“, fragte Ilya empört, die während des kurzen Dialogs der beiden Erwachsenen den Rucksack durchstöbert hatte, ob auch sie noch einen Happen zum Essen finden könnte.

Mit einem Grinsen antwortete Runo: „Jemand, der behauptet, ich hätte Schlappohren …“

„Du siehst aber sonst echt aus wie ein Mongo!“

Maril unterbrach dieses Geplänkel hastig. „Der Mongo wird unser Signal und geheimes Zeichen, Runo. Ich werde alles daran setzen, dass ihr in die Stadt kommen könnt. Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun. Und ich werde dir den Mongo als Zeichen schicken.“

„Wie?“

„Man hat mir erzählt, dass Schneefänge und andere Raubtiere die Abfälle der Stadt durchwühlen. Sie werden an einer Seite der Mauern abgeworfen.“

„Ich weiß, wo das ist.“

„Behalte die Mauer über dem Abfallhaufen im Auge. Ich werde dir von dort Nachricht zukommen lassen. Und ich schwöre beim Leben meines Kindes, dass es keine Falle sein wird.“

Beide sahen zu Ilya hinüber, die den Rucksack erfolgreich durchstöbert hatte. Triumphierend schwenkte das Kind einen getrockneten Fleischstreifen.

„Ich hatte dieses Kind die letzten fünf Tage am Hals, Maril. Diesem Schwur will ich glauben. Ich kenne keine Mutter, die das Leben ihres Kinds leichtfertig aufs Spiel setzt.“

Plädoyer für die Normseite

Die gute, alte Normseite. Alt ist sie wirklich, und nicht jedem erschließt sich, warum es genau so viele Zeilen und genau so viele Zeichen pro Zeile sind: Nämlich 30 Zeilen zu maximal exakt 60 Zeichen.

Die Normseite stammt noch aus den Zeiten der mechanischen Schreibmaschinen. Auch ich habe anfangs auf so einem alten Schatz getippt, allerdings mit minimalem Zeilenabstand, um mehr Text auf eine Seite quetschen zu können. Meine Maschine war winzig, eine alte Reiseschreibmaschine, die ich von meinem Oheim geschenkt bekam. Sie färbte die Zeilen gerecht halb rot und halb schwarz ein, eine andere Korrekturmöglichkeit als flüssiges Tippex oder das gleiche Zeug auf winzigen Blättchen gab es nicht. Korrekt eingestellt (also nicht mit winzigem Zeilenabstand, um Papier zu sparen) wirft eine Schreibmaschine eine Normseite aus, und mit dieser Normseite haben Autoren, Verlage und Lektoren zu rechnen gelernt. Sie ermöglicht die Einschätzung, wie dick das fertige Buch werden wird. Wie viele Normseiten auf eine Buchseite passen, hängt vom Satz ab.

Eines noch bringen die alten Schreibmaschinen mit in die heutige noch gebräuchliche Normseite: Nicht-proportionale Schrift. Damals gab es halt nur eine Type. Und die Maschine rückte nach jedem Anschlag exakt das gleiche Stückchen weiter. Moderne Schreibprogramme bringen eine Fülle von Schriftarten mit, und Experimentieren kann viel Spaß machen. Solange es keine Experimente an der Normseite sind, denn die funktioniert nur mit einer nicht-proportionalen Schrift, in der das i genauso viel Platz bekommt wie das m.

Simpler Vergleich:
Aluminium
Milliliter
Welches Wort ist länger? In den für den Buchdruck üblichen Schriftarten, die proportional jedem Buchstaben so viel Platz zuteilen, wie er benötigt, einem i also weniger Platz zugestehen als einem m, sieht Milliliter kürzer aus. Ist es aber nicht, wie eine Formatierung in z.B. Courier New umgehend beweist.

Noch ein wichtiger Faktor, der zur Normseitengestaltung beiträgt: Die Absatzkontrolle. Die bringen moderne Schreibprogramme nämlich mit, und sie macht auch Sinn, um Schusterjungen (wissen nicht, wo sie hingehen, sind also am Ende einer Buchseite eine einzelne Zeile) und Hurenkinder (wissen nicht, wo sie herkommen, sind also am Anfang einer Buchseite eine einzelne Zeile) zu vermeiden. Sieht im fertigen Buch einfach nicht gut aus und wird von Setzern liebevoll ausgemerzt. In der Normseite allerdings kommen sie vor! Also Absatzkontrolle ausschalten. Sonst haben wir Nicht- Normseiten, die mal 30, mal 29 Zeilen umfassen. Was der Berechenbarkeit des Manuskripts zuwiderläuft. In eine ähnliche Kategorie gehören vergessene Leerzeichen am Zeilenende vor der manuellen Zeilenschaltung (die nur bei Absatzende genutzt werden darf, nicht nach jeder Zeile wie das *kling ratsch* bei der Schreibmaschine!): Im schlimmsten Fall zwingt so ein anhängendes Leerzeichen nämlich ein Wort in die nächste Zeile, obwohl es in der davorstehenden noch Platz gehabt hätte. Pfriemelarbeit für den Setzer, denn unnötige Zeilen verlängern das fertige Druckwerk und kosten Geld.

Ich schreibe mittlerweile ausschließlich in Normseiten. Ich brauche keine verspielten Schriftarten oder Blümchen am Rand. Aber ich will wissen, wo ich von der Textlänge her stehe.

Die Normseite ist nicht hübsch. Das will sie auch gar nicht sein. Sie ist Berechnungsgrundlage und einfach ein allgemeines Maß. Unschön im linksbündigen Flattersatz (ja, auch Blocksatz ist unerwünscht!), keine ansehnliche Schrift, aber eine, die das Aufspüren von falschen Abständen auch ohne das Einblenden der nichtdruckbaren Zeichen (Leerzeichen, Zeilenschaltung) leicht macht. Silbentrennung - ob von Hand oder automatisch - ist übrigens auch nicht gewünscht.

Wer mir erzählt, dass er Normseiten nutzt, Courier New aber so hässlich findet, dass lieber Times New Roman benutzt, schreibt nicht in Normseiten. Und bei Ausschreibungen kamen mir mitunter auch schon die Tränen, wenn lang und breit erklärt wird, was eine Normseite ist, dass nur Texte in Normseitenformat angenommen werden – und dann als Empfehlung für die Schriftart Arial dasteht. Arial ist ebenso eine proportionale Schriftart wie Times New Roman.

OnlineRoman "Stadt im Schnee" 36



„Aber ich will bei Runo und Mako bleiben“, jammerte Ilya, als sie einige Minuten später auf Makos Rücken gehoben wurde.

Maril streichelte ihrer Tochter über die dicke Fellkappe, die die nutzlose Wollmütze ersetzt hatte. Man hatte so gut für ihr Kind gesorgt. „Ich weiß, Ilya. Aber du und ich müssen jetzt zur Stadt zurück, damit wir für Frieden sorgen können.“

„Mako ist mein Freund.“

„Und das wird er auch bleiben, während wir in der Stadt sind.“

Runo stieg auf den Schneefang auf und reichte Maril eine Hand, um ihr hinauf zu helfen. Sie schmiegte sich dicht an ihn, als sie hinter ihm saß, schlang beide Arme um seine Mitte und hielt sich an ihm fest. Wie beruhigend massiv und stark er war! Ilyas blindes Vertrauen in diesen großen Krieger übertrug sich auf die Mutter, und Maril ließ es gerne geschehen.

Dieses Mal trug sie zweckhafte Kleidung und fror nicht so erbärmlich. Auch war Mako erheblich schneller als die drei Schneefänge der Frauen. Es dauerte keine Stunde, bis sie den Treffpunkt mit den verbrannten Karren erreichten.

„Hast du hier noch Sachen, die du zur Stadt mitnehmen möchtest?“, fragte Runo höflich.

„Ja, wenn dein Reittier so viel tragen kann? Es sind zwei Tagesmärsche bis zur Stadt.“

„Mit Mako dauert es nicht mehr als vier oder fünf Stunden. Er wird eine weitere Pause brauchen.“

Er half Maril von Makos Rücken herab, und auch Ilya sprang zu Boden. „Ich helfe dir, Mama!“

Ein allzu nahes Heulen eines Tieres ließ Maril erstarren. Aber Mako antwortete mit einem Fauchen, und das Heulen verstummte schlagartig.

„Ein Hundebär. Sie sind harmlos, wenn man einen Schneefang an seiner Seite hat.“

Maril packte hastig die wenigen Dinge, die sie mitnehmen wollte. Die Nomaden konnten den Rest haben, befand sie. „Sind Hundebären so schnell wie ein Schneefang?“

„Im Leben nicht. Außerdem sind sie nicht sehr groß. Sie jagen in Rudeln und werden einsamen Wanderern gefährlich. Niemals einer Gruppe.“

Er setzte sich auf einen verkohlten Holzrest, der sein Gewicht knapp trug, und sofort rannte Ilya zu ihm und streckte die kurzen Arme nach ihm aus. Maril sah mit einem warmen Gefühl im Bauch zu, wie der große Krieger das Mädchen hochnahm und auf sein Knie setzte. Wie konnte sie einen Feind hassen, der so behutsam und selbstverständlich mit einem fremden Kind umging?

OnlineRoman "Stadt im Schnee" 35



„Das dauert zu lange, Maril. Wir haben keine ein oder zwei Monde mehr Zeit, um unseren guten Willen zu beweisen. Und ich weiß nicht, ob ich der Kaiserin soweit trauen kann, dass ich ihre Karawanen durchlasse. Jede Karawane, die die Stadt erreicht, sorgt für stärkere Truppen und bessere Versorgung. Dann stehe ich als Verräterin da.“

Maril ließ den Kopf hängen. Ja, die Medaille hatte zwei Seiten. Die eine war ihre eigene, die andere Konas. Wenn die Nomaden in ihrer Überzeugung, einen Zauber erneuern zu müssen, einen Pakt geschlossen hatten, die uneinnehmbare Stadt auszuhungern und solcherart zur Aufgabe zu zwingen, dann konnte Kona davon nicht abweichen. „Wir stecken in einer Sackgasse.“

„Das tun wir, Maril. Was machen wir nun?“

„Ich weiß es nicht, Kona.“

„Dann ist es am besten, wenn Runo dich und Ilya erst einmal zur Stadt zurückbringt. Die Rückkehr von euch beiden – unversehrt – kann dir helfen, die Regentin von unseren guten Absichten zu überzeugen. Ich werde eine Versammlung der Stammesmütter einberufen. Ich will sehen, was ich tun kann.“

„Und ich versuche alles in meiner Macht Stehende. Wie viele müssten in die Stadt kommen? Wenn die Gruppe nur klein genug ist …“

„Ich, Runo, eine Handvoll anderer Stammesmütter.“

„Wie viel Zeit habe ich?“

„Je schneller wir hinabsteigen können, umso leichter wird es. Die Kreatur wird mit jedem Tag stärker. Die Ketten verlieren immer ihren Zusammenhalt.“

„Können wir noch heute Nacht in die Stadt zurückkehren? Die Zeit läuft uns davon.“

„Runo?“

„Mako ist frisch und ausgeruht. Wir können sofort los. Allerdings sollte Maril andere Kleidung bekommen, sonst erfriert sie.“

„Olla und Une werden sich darum kümmern. Sag ihnen Bescheid.“

Statusmeldung November

Bevor jemand meckert: Stadt im Schnee gibt es morgen nachgereicht. Und bevor noch jemand meckert: Ja, ich war viel zu schweigsam im November. NaNoWriMo-Irrsinn hielt mich fest in seinen Klauen. Aber es hat sich gelohnt. Dazu gleich mehr.

Zuerst möchte ich nun auch hier die Schleier um das Geheimprojekt lüften:

Mondgesang und Wolfsgeheul TR

Mein Kurzroman "Runenschicksal" erscheint im März 2015 im Verlag Mondwolf. Das Ganze ist eine grandiose Geburtstagsfeier, denn der Verlag wird fünf Jahre alt. Mehr ist auf der Facebook-Seite des Verlags zu finden. Unter anderem auch die anderen beteiligten Autorinnen!

Nun zum NaNo:
Nach Bereinigung der Müllhalde (verpatzte Szeneneinstiege, dumme Dialogfetzen, die ich vor mir herschob, weil im NaNo jedes geschriebene Wort zählt), entpuppt sich mein Roman "Shadac" als reizende 470-Normseiten-und-115.000-Wörter-gewaltiges Gesamtwerk.

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Ich habe nicht nur den NaNoWriMo auch dieses Jahr gewonnen - mittlerweile das fünfte Mal in Folge -, sondern ich habe auch einen ganzen Roman Heroic Romantic Fantasy binnen 30 Tagen geschrieben. Und es war klasse!

OnlineRoman "Stadt im Schnee" 34



„Bitte erzähle mir mehr. Ich kann nicht mit euch vor die Stadttore treten und den Wachen sagen, dass sie uns hereinlassen sollen. Man würde mich für eine Verräterin halten.“

„Das Beben hat begonnen. Was sagen eure Priester dazu?“

Maril sah in die dunklen Augen der Stammesmutter und überlegte fieberhaft, wie viel sie erzählen durfte, wie weit sie vertrauen konnte. Sie wusste es nicht. Nie hatte sie angenommen, dass ihre Mission leicht sein würde. Aber nun hatte sie das Gefühl, einen Balanceakt zwischen Verrat und Auftragserfüllung vollziehen zu müssen.

Runo beugte sich vor, und für einen Augenblick war Maril abgelenkt von seiner physischen Vollkommenheit. Er hatte Ilya gehütet und war ganz offensichtlich gut zu ihr gewesen. Das selbstverständliche Zutrauen ihrer Tochter, wie sie ihn ärgerte und anlachte, war Beweis genug. Kinderinstinkte begingen selten Fehler. Maril gab sich einen Ruck: Wie sollte sie für Frieden sorgen und Vertrauen erwarten, wenn sie selbst misstraute? „Sie glauben, dass es ein Beben auf göttlicher Ebene ist.“

Kona nickte. „Und haben sie so etwas jemals an einem anderen Ort gespürt?“

„Nein.“

„Ich weiß. Dieses Beben ist ein Zeichen, dass das uralte Grauen sich von seinen Ketten befreit.“

„Mutter“, sagte Runo leise und eindringlich, aber sie hob die Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen.

„Wenn ich nicht offen bin zu dieser Unterhändlerin, werden wir niemals eine Möglichkeit bekommen, rechtzeitig da zu sein, um den Zauber zu erneuern, Runo.“

„Was ist das für ein Grauen?“

„Das wissen wir nicht. Wir wissen nur, dass der Zauber erneuert werden muss, bevor die Kreatur sich befreit und die Welt in Brand steckt.“

„Ich kann euch nicht in die Stadt schmuggeln, Kona. Nicht, solange ich nicht handfeste Beweise habe, dass ein Frieden in Aussicht steht. Ich bin nicht die Regentin dieser Stadt, ich bin nur eine Generalin mit einem Auftrag. Ich habe nicht die Befehlsgewalt. Gehe ich nun zur Regentin und sage ihr, was ihr mir gesagt habt, lässt sie mich wegen Verrats oder Irrsinns einsperren.“

„Wir müssen in diese Stadt, Maril.“

„Ich kann nicht. Nicht sofort. Wenn ihr den Karawanen Geleitschutz geben könntet, wenn ihr sie sicher bis an unsere Tore begleitet, dann habe ich etwas in der Hand, womit ich die Regentin überzeugen kann, dass ein Frieden in Aussicht steht. Dann kann ich einen kleinen Trupp für offizielle Verhandlungen in die Stadt holen.“

OnlineRoman "Stadt im Schnee" 33

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„Sie gibt uns unser Land zurück?“

„So leicht ist es leider nicht. Sie ist überzeugt, dass ihr von uns Nutzen haben könnt – und wir von euch. Sie wünscht sich Frieden, Handel und Miteinander.“

„Nicht solange die Stadt auf unserem heiligen Boden steht, Maril.“

„Ich ahnte, dass die Stadt an eurer Feindseligkeit schuld ist. Was für geheiligter Boden ist das? Oder ist das nicht für meine Ohren bestimmt?“

„Es ist nicht die Stadt an sich, die uns stört. Als ihr in unser Land kamt, waren wir bereit, euch willkommen zu heißen. Das Land ist groß genug, warum sich darum schlagen?“

„Aber dann bauten wir die Stadt.“

„Auch das hätten wir hingenommen.“

„Aber nicht, dass wir die Stadt da bauten, wo wir es taten. Kona, das ist mehr als zehn Jahre her.“

Kona nickte. „Aber es ändert nichts an den Tatsachen. Die Zeit drängt. Deine Kaiserin kann ihren Frieden haben, wenn wir vorher unseren Frieden machen können. Ist dir in der Stadt etwas Ungewöhnliches aufgefallen? Hat sich etwas verändert oder ereignet, was dir nicht normal erschien?“

Maril dachte an das merkwürdige Beben, das sie im Kellergewölbe des Tempels gespürt hatte. Kona musste diese Erinnerung wie einen Schatten über das Gesicht der Generalin ziehen sehen, nur so konnte Maril sich die Reaktion der Alten erklären.

„Was war es? Die Zeit drängt, Maril.“

„Ein Beben.“

„Der Boden bebte?“

„Er bebte und bebte doch nicht. Ich spürte ein Zittern des Bodens, aber die Gebäude bleiben unversehrt.“

„Verdammt“, sagte Runo leise, und Kona wandte sich zu ihm um.

„Ja, es beginnt. Uns bleibt nicht viel Zeit. Maril, wir müssen in die Stadt.“

„In die Stadt?“ Die Generalin überlegte verzweifelt. Sie sollte Frieden schaffen, aber niemand von der Administration oder der Wache würde zulassen, dass in diesen kriegerischen Zeiten Nomaden die Stadt betraten. Sie konnten nur als Spione oder Saboteure angesehen werden! Maril selbst war unsicher, wie sie das Drängen der alten Frau auffassen sollte, ob sie ihr trauen konnte.

„Ich sagte dir, dass die Stadt auf heiligem Boden steht. Das stimmt nicht ganz. Es ist ein Friedhof aus der Zeit vor uns, lange vor euch. Niemand weiß, wie alt dieser Friedhof ist. Wir kennen die Namen der Begrabenen nicht, und wir wissen nicht, wer sie dort beigesetzt hat. Aber über die Zeiten haben sich Legenden erhalten. Ich gehe davon aus, dass sie wahr sind. Du hast das Beben gespürt, und für mich ist das ein Beweis, dass die Geschichten um den Friedhof nicht nur etwas sind, womit man kleine Kinder erschreckt.“

NaNoWriMo 2014 (2)

Mama schimpft schon, daß ich hier so schweigsam bin. Es hat eben auch Nachteile, wenn Mama meinen Blog als Startseite eingerichtet hat.

NaNoWriMo:
Soeben habe ich das fünfzigtausendste Wort geschrieben! Siehste, Mama, Dein braves "Ich ruf mein Kind nicht an, das schreibt" hat sich wieder einmal ausgezahlt.
204 Normseiten hat der Roman bisher, und gefühlt bin ich noch nicht ganz in der Mitte der zu erzählenden Geschichte angekommen. Aber immerhin habe ich eine Leiche vom Misthaufen retten lassen - mein Held Shadac macht das ganz wunderbar. Merke: Dreckarbeit überläßt ein Autor immer seinen Figuren.

Jetzt schreibe ich vergnügt weiter. Ziel ist es, den Roman im November fertig zu bekommen.

OnlineRoman "Stadt im Schnee" 32



„Runo, dies ist Ilyas Mutter.“

„Ich heiße Maril“, hörte Maril sich wie aus weiter Ferne sagen, während sie den Mann wie eine Erscheinung weiter anstarrte. Sie streckte eine Hand aus, fühlte sich linkisch und ungeschickt. Ihre Finger verschwanden in seiner großen Pranke, er drückte kurz und fest zu, ließ sie aber nicht gleich los, sondern sah zu Ilya und stellte die Frage, die ihn seit fünf Tagen beschäftigte: „Was im Namen der Großen Mutter ist ein Mongo?“

Maril sah zu ihm auf und antwortete verwirrt: „Ein kleines Pelztier mit großen Augen und Schlappohren.“

„Und wie riecht ein Mongo?“, fragte er in leicht scharfem Tonfall, während er immer noch ihre Hand festhielt.

„Der Mongo selbst riecht nicht. Nur wenn Ilya den Käfig nicht regelmäßig säubert, stinkt der.“ Sie war vollkommen verwirrt.

Runo wandte sich zu Ilya. „Ich sollte dir den Hals umdrehen! Ich habe keine Schlappohren!“

Verhandlungen

Maril hatte Ilya das Kuscheltier überreicht, ihr erklärt, dass es ein Geschenk von Elma wäre, und dann belustigt und doch leicht bang zugesehen, wie ihre Tochter sich zwischen die Vordertatzen des Schneefangs setzte, um diesem ernsthaft zu erklären, dass Runo sehr wohl wie ein Mongo aussähe.

Der große Krieger bedachte sie mit einem dunklen Blick, bevor er sich neben die Stammesführerin setzte und leicht bockig die Arme vor der Brust verschränkte.

Mutter wandte sich ihrem Gast zu. „Ich bin Kona, die Stammesmutter. Wir verlangen von dir weder Geld noch andere Reichtümer als Lösegeld. Wir brauchen Hilfe.“

„Wie kann ich helfen?“

„Wir hätten das Kind mit den überlebenden Wachen zur Stadt schicken können. Aber bei uns war es besser aufgehoben. Ich gebe dir dein Kind wieder, Maril. Ich bin selbst Mutter, ich weiß, dass eine Mutter ihr Kind bei sich haben muss. Ich will mit jemandem sprechen, der in der Stadt Verantwortung trägt und Entscheidungen treffen kann.“

„Kona, du hast genau das richtige Kind aufgenommen. Ich bin nicht nur als Mutter hier, sondern auch als Beauftragte der Kaiserin. Sie möchte den Krieg und das ewige Blutvergießen beenden.“

„Was heißt das genau?“ Die alte Frau beugte sich vor. Hinter ihr rührte Runo sich leicht, der mindestens ebenso überrascht sein musste wie sie selbst.

„Ich bin Generalin aus ihrem Stab. Aber ich habe in der Vergangenheit gelernt, dass Verhandlungen und Kompromisse allen beteiligten Parteien mehr bringen als Krieg.“

OnlineRoman "Stadt im Schnee" 31



Mako ließ sich auf seine Hinterkeulen sinken und beäugte die Situation vor sich kritisch.

„Was machst du überhaupt hier drin, Mako?“, fragte Mutter den Schneefang erbost, die seinen Einbruch in die Schneehöhle ganz offenkundig nicht ohne Unmut hinnahm.

„Frag das Kind“, ertönte eine undeutliche Stimme aus dem Tunnel, gefolgt von den Worten: „Ich glaube, ich stecke gleich fest. Wer hat die Schneehöhle gebaut, verdammt?“

„Mako hilft dir!“, krähte Ilya fröhlich, und tatsächlich erhob der Schneefang sich und verschwand wieder im Tunnel. Ilya wandte sich an ihre Mutter. „Mako ist mein Freund. Aber Runo hat gelogen: Mako mag keine Kekse! Er mag Knochen vom Yak! Guck, Mama, die Mütze hat Ota mir gemacht!“

Maril bekam erst jetzt einen klaren Blick auf die Aufmachung ihrer Tochter. Spontan fühlte sie Dankbarkeit – auch dank ihrer eigenen Erfahrungen, wie bitterkalt es war und wie ungeeignet die eigene Kleidung sich erwiesen hatte.

Ilya sah aus wie eine Wilde, fand sie – aber wie eine sehr warm verpackte Wilde, die sich keine Zehen oder Finger abfror.

„Ich wusste nicht, dass sie bei euch in so guten Händen sein würde. Danke“, sagte sie schlicht.

Die Stammesmutter nickte lächelnd. „Auch wir lieben Kinder und sorgen für sie.“

Makos Hinterteil kam wieder in Sicht, und im nächsten Augenblick stockte Marils Herz.

Hinter dem Schneefang kam ein Hüne von Mann auf die Beine. Jede Kultur hat Schönheitsideale. Maril war in Ländern gewesen, in denen unermesslich fette Frauen als Krone des guten Aussehens gegolten hatten. In anderen Ländern wurden helle Haut und leuchtendes Blondhaar als besonders attraktiv angesehen. Wieder in anderen mussten die Füße der Frauen möglichst klein sein. Maril stammte aus einer Kultur des Kriegs, in dem Frauen die leitende Rolle innehatten. Vor ihr entfaltete sich der Archetypus eines Mannes, kam aus dem Tunnel, auf ein Knie, stand auf und nahm aus einem Gefühl innerer Balance die Schultern nach hinten, bevor er den Kopf hob und Ilya mit einem vernichtenden Blick bedachte. „Mako mag es nicht, wenn du ihn am Schwanz ziehst!“

„Ich habe nicht gezogen! Ich habe mich nur festgehalten, und er hat gezogen! Außerdem sind Mako und ich Freunde. Ihm macht das nichts, nicht wahr, Mako?“

Wenn eine Katze die Augen verdrehen könnte, hätte Mako das in diesem Augenblick getan. So meckerte er nur leise und verkroch sich hinter dem Hünen, von wo aus er Ilya einen stechend blauen Blick sandte.

Statusmeldung Oktober und BuCon!

BuCon-Banner

Irgendwie war im Oktober gar nicht sooo viel los. Sieht man vom BuCon ab, natürlich!
Ich habe zwei kürzere Romane überarbeitet - lieben Dank an meine unerschütterlichen Betaleserinnen! - und rechtzeitig an ihre zugehörigen Verlage geschickt. Sonst: Der NaNoWriMo wirft seine Schatten voraus, und so habe ich die letzten Oktobertage eher beschaulich mit dem Bunkern von Zimtsternen und Schokolade verbracht. Und mit dem leicht fiesen Gelächter über meinen armen Helden Shadac. Ja, ich bin gemein. Gerne.

Aber mit dem BuCon habe ich ein Highlight vorzuweisen. Die Bahn gehörte nicht zum Highlight, sondern hat mich auf Hin- und vor allem Rückweg tüchtig gezwiebelt. Ich war heilfroh, als ich zu Sarah König ins Auto flüchten und mit ihr die restlche Fahrt gen Frankfurt und zu unserer Gastgeberin Helen B. Kraft antreten konnte. Ebenfalls mit zu Gast bei Helen: Sabrina Železný.

Ich kam auf dem BuCon nicht ganz so viel zum Knipsen, wie ich das sonst so gerne mache. Tanja als Touristin, ehrlich. Aber ich habe Sabrinas und Helens Lesungen gefilmt und war sehr bange, ob meine beiden Akkus mir daneben überhaupt noch ein Foto erlauben würden. Taten sie aber! Hier also mein BuCon-Bilderreigen: Einmal ganz unsortiert, fürchte ich. Klick aufs Bild führt weiter!

AnnikaAeternicaAmrûnohneohrenhelenMachandelMondwolfVero und Sabrina

Tolle Stunden inmitten wundervoller Leute, liebe Gespräche und endlich mal wieder von Verlegern, Freunden und Autorenkollegen geknuddelt werden. Ein paar Pläne für die Zukunft, ein paar mögliche Projekte. Hach, 2015 kann kommen!


... Aber erst der NaNoWriMo!

NaNoWriMo 2014 (1)

Es ist soweit. Wir haben unsere Winterzeit wieder, draußen wird es pünktlich um fünf sehr düster. Es ist kalt und regnet fies. Okay, heute nicht, heute schien die Sonne wie eine Wilde.

Aber es ist Zeit für den November. Und was machen verrückte Autoren da? Sie nehmen sich vor, mindestens 50.000 Wörter an einem neuen Projekt zu schreiben. Ich bin noch verrückter und plane, einen ganzen Roman zu schreiben. Das geht, wirklich. So sind Arrion, Juran, Niro und Teiro schon entstanden. Was für mich als absoluter Testballon (und mit dem Kommentar, daß jene, die mich dazu zu überreden versuchten, doch völlig bekloppt wären) begann, ist inzwischen eine November-Angewohnheit, die ich nicht mehr missen möchte.

Ersatztastatur, ganz viele Ersatzbatterien, Zimtsterne, Cola, eine verrückte Romanidee. Paßt! Meine Familie und Freunde wissen Bescheid, daß ich auch diesen November am Computer kleben, viel lachen, leise und gehässig kichern und noch viel mehr schreiben werde.


Kardinal Shadac führt im Auftrag seines Königs ein Doppelleben. Auf der einen Seite sorgt Hochwürden für das Seelenheil im Königreich, auf der anderen ist er der finale Diplomat, der notfalls drohenden Krieg mittels eines Mords im Keim erstickt. Bis er ausgerechnet einen alten Magier unter die Erde bringen soll, in dessen Gewalt sich die vergnügungssüchtige Asmyn befindet. Prompt hat Shadac zwei Probleme auf einmal: Die geballte Magie des Alten sucht ihn als neuen Herrn aus, und Asmyn denkt nicht im Traum daran, zu ihrem Ehemann zurückzukehren, sondern heftet sich vergnügt und besserwisserisch an die Fersen des geplagten Kardinals. Und das ist erst der Anfang …

OnlineRoman "Stadt im Schnee" 30



Roka zog die fellgefütterten Handschuhe aus und löste dann die Verschnürung an Marils Stiefeln, um ihr diese behutsam auszuziehen.

„Roka, weißt du, wie es dem Kind geht?“

„Als ich es zuletzt sah, machte es einen munteren Eindruck. Aber ich war die letzten Tage am Treffpunkt. Ich weiß also nichts Neues. Runo wird gut aufgepasst haben.“

„Wer ist Runo?“

„Ein Krieger meines Stammes. Die Stammesmutter gab ihm den Auftrag, auf das Kind zu achten.“

Maril nickte und wackelte versuchsweise mit den Zehen. Sie waren alle noch dran! Sie blickte auf, als neuerliche Geräusche im Tunnel weitere Gäste ankündigten.

Die erste war eine ältere Frau, die sich von Roka aufhelfen ließ, als sie angekommen war. Sie sah Maril aus scharfen, dunklen Augen an und nickte dann. „Ilya ist dein Kind?“

„Das ist sie. Geht es ihr gut?“

„Davon kannst du dich gleich überzeugen. Sie ist hier. Bestimmt bleibt Runo im Tunnel stecken.“

Sie wandte sich um, wohl um den Fortschritt ihres Kriegers zu beobachten, aber statt des erwarteten Mannes tauchte ein Schneefang auf, der den Vorhang mit dem Schädel beiseite stieß, sich aufrichtete, schüttelte und Maril dann neugierig ansah. Sie zog prompt die Füße ein. Die Höhle, die ihr eben noch großzügig erschienen war, wirkte winzig, als das Raubtier sich aufrichtete. Dann sah sie, wer zugleich mit dem Tier in die Höhle gekommen war.

Ilya hatte sich an Makos Schwanz festgehalten und sich solcherart von ihm durch den Tunnel ziehen lassen. Jetzt ließ sie ihn los, stieß einen Jubelschrei aus und rannte direkt am Kopf des Schneefangs vorbei zu ihrer Mutter.

Maril sprang auf und riss ihre Tochter an sich.

Mako gab ein leises, drohendes Geräusch von sich, das wie eine Mischung aus Knurren und Bellen klang, und Ilya drehte sich in der Umarmung ihrer Mutter zu ihm um. „Sei still, du! Das ist meine Mama! Die wirst du nicht fressen, Mako! Sonst gebe ich dir einen Keks!“

Obwohl sie mit keimender Panik in Makos klarblaue, sich verengende Augen gestarrt und gesehen hatte, wie er die Lefzen über seinem eindrucksvollen Gebiss hochzog, musste Maril halb entsetzt und halb erleichtert leise lachen.

OnlineRoman "Stadt im Schnee" 29



Maril wurde nicht zum Hauptlager der Nomaden gebracht. Nach nur drei Stunden erreichte die kleine Gruppe eine Lichtung zwischen bewaldeten Bergrücken, wo eine Schneehöhle nur für dieses Treffen errichtet worden war.

Roka und ihre Gefährtinnen wussten, dass die Schneehöhle jetzt noch verlassen da lag. Die Stammesmutter und ihre Begleitung befanden sich irgendwo auf den Höhen, um die Ankunft der Unterhändlerin zu beobachten und Ausschau nach Verfolgern zu halten. Auch nach Beginn des Treffens blieben Wachen auf den Kämmen.

Dies war der erste richtige Kontakt zu den Eindringlingen, seitdem diese ihre Stadt gebaut hatten. Seit Baubeginn hatte es keinerlei friedliche Gespräche mehr gegeben. Zu schwer wogen diese Stadt und alles, was mit ihr zusammenhing.

„Wir sind da“, sagte Olla, „du kannst absteigen und hineingehen. Es ist warm da drin, und du siehst halb erfroren aus.“

„Ich habe mich warm angezogen, dachte ich. Aber es reicht einfach nicht.“

Olla warf einen mitleidigen Blick auf Lederstiefel und mehrschichtige Tuchkleidung und schüttelte den Kopf. „Wir werden sehen, was wir dir geben können. Das Wetter ist zurzeit ungewöhnlich mild. Sonst hättest du dir Erfrierungen geholt.“

Maril hatte das sichere Gefühl, dass mindestens ihre Zehen abgefroren waren. Sie kroch auf Händen und Knien durch eine Art Tunnel, der sich schneckenförmig um die halbe Schneehöhle herumzog, wohl um Zugluft auszuschließen. Sie erwartete Dunkelheit und Kälte, aber nachdem sie ein Fell zur Seite geschlagen hatte, das als Türersatz diente, kam sie in einen warmen, von Kerzen erhellten, kuppelförmigen Innenraum, der sie für einen Augenblick vergessen ließ, in welcher Gefahr sie womöglich schwebte.

Pelze bedeckten die Wände. Am Rand des Raumes befanden sich – vermutlich aus Schnee – Bänke, auf denen ebenfalls Felle lagen. In der Mitte des Kreises glühten Kohlen in einem Steinkreis.

Maril atmete tief durch, kroch zu einer Bank, setzte sich vorsichtig hin und riss sich dann die Handschuhe herunter, um die kalten, gefühllosen Finger zu wärmen. Die Hitze der Glut nach dem Ritt durch eiskalte Winterlandschaft tat ihr gut und belebte sie.

Sie sah zum Tunnel, als sie Geräusche von dort vernahm, aber es war nur Roka, die ihr folgte.

„Zieh auch die Stiefel aus“, riet die Kriegerin.

„Gleich, sobald ich wieder Gefühl in den Fingern habe.“

„Nein, sofort. Ich helfe dir. Die Wärme wird dir gut tun.“

OnlineRoman "Stadt im Schnee" 28



„Nimm an Gepäck mit, was du brauchst. Für Unterkunft und Proviant ist gesorgt.“

„Wir reisen gleich weiter?“

„Möchtest du die Nacht hier verbringen? Der Treffpunkt ist nicht weit, die Schneefänge sind ausgeruht.“

„Ich hole mein Gepäck“, antwortete Maril. Je eher sie zum Treffpunkt kam, desto schneller konnte sie Ilya wiedersehen und sich vom Wohlbefinden der Kleinen überzeugen. Sie hob ihren Rucksack vom Boden auf, öffnete ihn und hob ihre Wäschebündel heraus, um den drei Nomadinnen zu beweisen, dass sie auch dort keine Waffe verborgen hatte. Sie begab sich vollkommen in die Hände ihrer Feinde, aber es ging nicht anders. Dies war ihre Entscheidung, bedingt durch den Auftrag der Kaiserin.

Als Letztes hob sie das Kuscheltier für Ilya hoch, wickelte es aus dem bunten Tuch, wartete das Nicken von Roka ab, hüllte das Tuch wieder darum und verstaute Elmas Geschenk zuoberst in ihrem Rucksack.

„Du steigst hinter mir auf. Oku ist frisch und der größte unserer Schneefänge“, sagte Olla, „du kannst dich an mir festhalten.“

Maril betrachtete die riesenhafte Raubkatze mit einer Mischung aus Respekt und Neugierde. Noch nie hatte sie ein solches Lebewesen gesehen – schon gar nicht aus der Nähe.

Das Fell hing dicht, weich und besonders am Kragen sehr lang hinab. Es war fast eine Mähne. Lange, säbelartig gebogene Fänge ragten aus dem Maul, die Augen blickten blau und wachsam. Ein langer, gebogener Schwanz berührte den Boden, die Tatzen waren doppelt so groß wie die Hand eines kräftigen Mannes.

Olla schwang sich auf Okus Rücken. Une trat neben Maril und half ihr, auf den Schneefang zu steigen. Durch den Stoff ihrer Hosen fühlte die Generalin die warmen Muskeln des Tieres unter dem dicken Pelz.

„Halt dich einfach an mir fest. Schneefänge sind sehr schnell. Erschrick nicht, wenn es losgeht.“

Maril rückte dicht an die fremde Frau heran und schlang beide Arme um deren Mitte.

„Langsam, Oku, nicht so hastig“, sagte Olla, und das Tier setzte sich in – nach Nomadenmaßstäben – wohl behäbigem Tempo in Gange.

Hatte Maril sich vorhin schon ausgeliefert gefühlt, jetzt tat sie es erst recht! Gewaltige Muskeln arbeiteten unter ihr, während der Schneefang in atemberaubender Geschwindigkeit über den Schnee rannte. Ihre Gedanken klammerten sich an Ilya fest, die einen ähnlichen Ritt hinter sich haben musste. Wie musste ihre kleine Tochter sich gefürchtet haben!

OnlineRoman "Stadt im Schnee" 27



Was für Menschen mochte ein so feindliches, kaltes Land hervorbringen? Sie zog die Decken dichter um sich, um jeden Hauch von Zugluft auszuschließen und sich einen Kokon der Wärme zu schaffen. Im Zelt stand ein kleines Kohlebecken und versuchte, dort für Wärme zu sorgen. Aber sie wollte so lange wie möglich draußen sitzen, sichtbar sein. Ja, gab sie zu, sie hatte Angst vor Raubtieren. Solange sie draußen saß, konnte sie deren Herannahen vielleicht beobachten, um dann mit brennenden Zweigen aus dem Lagerfeuer nach ihnen zu werfen, bis sie sich zurückzogen. Sie wollte aber auch sichtbar hier sitzen, wenn die Nomaden kamen. Sie fand, dass das mutiger aussah.

Sie sah hinüber zum Lichtschimmer der fernen Stadt. Wie nah das schien! Aber es lag zwei Tagesmärsche entfernt. Marils Eskorte war vor mehr als einer Stunde losgegangen. Jetzt mochte sie rasten. Weit weg von Maril. Sie fühlte sich einsam, kalt und verlassen. Wie mochte es Ilya jetzt gehen?

Sie sah die drei Reiter erst, als diese das Lagerfeuer fast erreicht hatten. Wie Schemen schienen sie aus dem Schnee aufzusteigen und sich zu festen Gestalten zu formen. Zuerst sah sie nur die Schneefänge, die furchtlos zum Feuer kamen. Ihre Kehle schnürte sich zu, bis Maril erkannte, dass die Raubkatzen nicht alleine waren. Für einen Augenblick war ihr schlecht vor Angst, als sie dachte, dass die Lagerfeuer überhaupt keinen Schutz vor Raubtieren boten. Dann erkannte sie die Reiter und atmete erleichtert auf. Sie stand auf, um die Fremden zu begrüßen.

Es waren drei Frauen, erkannte sie erleichtert, die von ihren grauenhaften Reittieren abstiegen. Frauen schienen in der Kultur der Nomaden das Sagen zu haben. Irrigerweise fühlte Maril sich in der Gegenwart von Frauen sicherer.

Sie sah weiße Mäntel, Pelzbesatz, weiße Pelzhosen, Schwerter und Dolche. Dies waren Kriegerinnen, keine Frauen, die man im Haus einsperrte und zu Kindern und Küche verdammte.

„Du bist die Unterhändlerin?“, fragte eine der Frauen.

Maril nickte.

„Trägst du Waffen?“

„Nein, ich bin unbewaffnet. Ihr dürft mich durchsuchen, ich habe nichts dagegen. Ich weiß, dass dieses Treffen wichtig ist, ich möchte keinen Anlass zu Verärgerung geben.“

Eine Frau trat vor – und mit ihr der Schneefang. Maril wich unwillkürlich einen Schritt zurück.

„Er tut nichts, wenn ich es ihm nicht erlaube“, kam die beruhigende Antwort.

Maril wurde rasch, aber höflich durchsucht. Die Fremde warf einen Blick zu den beiden anderen Frauen. „Sehr schön. Ich bin Roka, dies sind Olla und Une.“

Maril nickte den beiden Vorgestellten freundlich zu. Sie war angespannt, die Nähe der Schneefänge trug nicht dazu bei, dass sie sich sicher fühlte.